Finding Treasure
Ihr Lieben,
pünktlich zum 1. Oktober möchte ich euch ganz herzlich zu folgenden Herbst-Specials und Praxisangeboten einladen. Saisonal mäandernde Gedanken findet ihr weiter unten im Text.
Habt einen schönen Feiertag und liebe Grüße!
Jasmin
The Art of Boundaries
DIESEN Sonntag, 5. Oktober, 15.00 - 17.30, Yoga Sky:
Ein Yin Yoga & Embodiment WORKSHOP zum Metall-Element
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Rest & Regenerate
Samstag, 11. Oktober, 19.30 - 21.30, Yoga Sky:
Yin Yoga & Yoga Nidra - REGENERATION TOTAL!
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Body Flossing
Ab Dienstag, 4. November, 16.30 - 17.30, Yoga Sky
6-WÖCHIGE KURSREIHE in Anlehnung an die SATYA-Methode nach Tias Little
Insgesamt 6 Termine am 4.11., 11.11., 18.11., 25.11., 2.12. und 9.12.
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Ich lese gerne und in der Regel immer irgendetwas – im Winter zum Beispiel bevorzugt unprätentiöse Krimireihen. Ich lese die Krimis einen nach dem anderen gierig weg. Ich mag, dass sie keinen Anspruch an mich stellen, dass ich nichts interpretieren oder verstehen oder zwischen den Zeilen herauslesen muss. Im Herbst aber, sobald die Luft frisch wird, beginnt das, was sich für mich wie meine „seriöse“ Lesephase anfühlt. Ich plane das nicht, es passiert ganz einfach. Die Luft ändert sich und – schwups – ich sehne mich danach, ein Buch zu lesen, das mir mehr gibt als kurzweilige Unterhaltung. An Herbsttagen lese ich mit einer anderen Tiefe und mit einer anderen Dringlichkeit. Ich möchte etwas verstehen, ich möchte etwas herausfiltern, zwischen den Zeilen. Etwas, das ich mitnehmen kann in den Winter, wie eine Art Schatz. Eine neue Antwort auf alte Fragen. Warum ist das Leben so, wie ist ist? Bei einem guten Buch bekomme ich keine Antwort, sondern eine Ahnung. Leicht verschwommen und schemenhaft, hat diese Ahnung etwas von einer Fata Morgana. Sie weicht dem direkten Blick. Wenn ich versuche, sie direkt ins Auge zu fassen, sie zu konkretisieren oder in eine Antwort zu verwandeln, löst sie sich auf. Schwups.
Jedes Mal, wenn ich eine Stelle finde, die mich inspiriert, markiere ich die jeweilige Seite mit einem Eselsohr. Das ist eine alte Angewohnheit. Wenn ich ein Buch zum wiederholten Mal lese und alte Eselsohren finde, versuche ich die Stelle wiederzufinden, der das Eselsohr ursprünglich gewidmet war. Manchmal entdecke ich die Stelle sofort und weiß, warum das Eselsohr da ist. Ich ahne, so wie beim letzten Mal: Hier liegt der Schatz. Manchmal aber finde ich die Stelle nicht wieder und habe keine Ahnung, warum ich die Seite mit einem Eselsohr markiert habe. Wenn das passiert, nehme ich es wieder raus. Ich habe Bücher, die übersät sind mit Eselsohren – mit tatsächlichen, sozusagen „aktuellen“ Eselsohren, wie auch mit Eselsohren, die ich wieder rausgenommen habe. In der Ecke sieht man noch die Spuren der dünnen Faltlinie. Diese Spuren stehen für etwas, das mir irgendwann mal bemerkenswert und bedeutungsvoll erschien. Sie deuten auf etwas Verstecktes hin, auf etwas, das ich nicht länger verstehe. Die dünnen Faltlinien gehören zu einer anderen Zeit, in der ich eine andere war. In dieser Hinsicht sind sie viel spannender als die Seiten, deren Ecken tatsächlich noch gefaltet sind.
Seit ein paar Tagen lese ich Judith Herrmann, ihren Roman Daheim (ein Herbstfavorit, ich glaube, ich lese ihn zum dritten Mal). Das Buch handelt von einer Frau Mitte 40, die sich im Umbruch befindet, nachdem sie ihren Mann verlassen hat und die Tochter aus dem Haus ist. Die Frau zieht an die Küste und beginnt eine Affäre mit einem Schweinebauern. Nach der ersten gemeinsamen Nacht gibt es zum Frühstück in seiner Küche drei hartgekochte Eier. Sie isst zwei davon.
„Ich denke, ich könnte eine andere sein, als die, die ich bin. Ich könnte auch eine sein, die jeden Morgen drei harte Eier zum Frühstück isst und dabei in einer Zeitung liest, in der es keine schlechten Nachrichten gibt, und ich staune darüber, dass ich tatsächlich immer noch glaube, entscheiden zu können, wer ich sein will und sein könnte.“
Diese Seite hatte schon ein Eselsohr vom letzten Mal. Hätte es keins gegeben, hätte ich diesmal eines gemacht. Heißt das, dass ich die gleiche bin wie letztes Jahr? Ist das der Schluss, den ich ziehen sollte? Mir kommt es so vor, als wäre ich eine ganz andere - auch, wenn ich mittlerweile ahne, dass ich die, die ich bin, nicht einfach abstreifen kann wie einen alten Anzug oder wie eine alte Haut. Aber, eines weiß ich auch: Irgendetwas ändert sich doch. Ich bin nicht mehr die, die ich mal war. Das beweisen schließlich die Faltlinien, die Eselsohr-Spuren. Ich habe mittlerweile mehrmals den Anzug getauscht, ich habe mehrere Häutungsprozesse durchlebt. Eine alte Haut wird abgestreift - ob nun mit oder ohne mein Zutun. Darunter kommt eine neue Haut zum Vorschein, dünn, zart und verletzlich. Nach und nach gewinnt die neue Haut an Widerstandskraft. Nach und nach bietet sie mir Schutz. Ich fange an, mich in ihr wohlzufühlen. Sie umgibt mich und grenzt mich ab von der Welt, macht mich zu der, der ich bin. Sie wird meine Haut. Bis zur nächsten Häutung. Und wann kommt die? Vielleicht immer dann, wenn die alte Haut zu hart wird, schwielig und engporig, wenn sie nichts mehr durchlässt. Wenn sie beginnt, mich einzuengen. Entscheide ich mich dann dazu, eine „andere“ zu sein? Oder das Leben tut das für mich. Fordert mich dazu auf, eine andere zu werden, die alte Haut abzustreifen, eine Weile wieder dünnhäutig zu sein – durchlässig, porös, ohne festgefahrene Vorstellung von der, die ich bin und sein kann. Offen für Neues.
Vielleicht sollte ich bei der nächsten Häutung ein Paar neue Schuhe kaufen, so wie die Schriftstellerin Deborah Levy. Sie ist in Paris und dabei, in eine neue Haut zu wachsen, und sie kauft sich spontan ein Paar salbeigrüne Tanzschuhe. Mit dem neuen Schuhen im Karton setzt sie sich ins Café und bestellt ein Glas Wein, öffnet den Karton. Sie fragt sich, „Could I step into a sage-green kind of female character?“ Nein. Anscheinend nicht. Am Ende bleiben die Schuhe quasi ungetragen im Karton. Dafür kauft sie sich kurkumafarbene Bettwäsche und schläft seitdem in Gold gebettet.
Why not? Ja, warum eigentlich nicht.


